«banken werden


nicht verschwinden»

Die Digitalisierung verändert die Finanzindustrie fundamental. Gibt es in 20 Jahren noch Banken oder geben wir unser Geld künftig Apple, Google & Co.? Antworten auf diese Fragen liefert Andreas Dietrich, Bankenprofessor und Co-Leiter des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) der Hochschule Luzern.

Wann waren Sie zuletzt in einer Bank?
Ich bin ziemlich regelmässig in einer Bankfiliale. Meistens allerdings für Sitzungen mit Bankenvertretenden und weniger für eigene Geschäfte. Für meine eigenen Belange war ich das letzte Mal vor etwa einem halben Jahr in einer Filiale.

«Banking is necessary, banks are not», sagte einst Microsoft-Gründer Bill Gates. Gibt es Banken in 20 Jahren noch?
Ja. Die Grundbedürfnisse der Menschen ändern sich nicht von heute auf morgen. Kunden werden auch in einigen Jahren noch Dienstleistungen in den Bereichen Finanzieren, Sparen, Vorsorge oder Anlagen beanspruchen – und ich glaube, sie werden dies nach wie vor bei Banken machen. Banken werden sich aber öffnen und innovative Finanzdienstleistungen von Start-ups einbinden müssen. Ich glaube hingegen nicht, dass sie durch diese ersetzt werden, denn Banken geniessen nach wie vor ein hohes Vertrauen. Die Leute geben ihr Geld lieber einem etablierten Institut als einem unbekannten Start-up.

Wie steht es um die grossen Technologieunternehmen? Bedrohen diese die Banken?
Tatsächlich würden Technologieunternehmen wie Apple und Google über die finanziellen Mittel und die wirtschaftliche Kraft verfügen, um Banken zu bedrängen. Sie verfolgen aber eine andere Strategie: Sie wollen nur einzelne Teile der Wertschöpfungskette übernehmen, damit sie nicht dem ganzen regulatorischen Rahmenwerk unterliegen, dem Banken ausgesetzt sind. Zudem ist es in vielen Teilmärkten in der Schweiz auch für solche Unternehmen schwierig, bedeutende Marktanteile zu gewinnen.

Ist die Digitalisierung in der Finanzbranche ein Hype oder mehr?
Sie ist notwendig. Banken haben gar keine Wahl. Der Fokus der Digitalisierung wird einerseits sicherlich im Bereich der Innovation liegen. Wie bietet man Produkte an? Wie laufen Beratungsgespräche in Zukunft ab? Wie kommuniziert man mit Kunden? Diese Fragen müssen sich Banken stellen und bereits heute Massnahmen in Angriff nehmen, damit sie in zehn Jahren noch konkurrenzfähig sind.

Auf der anderen Seite müssen Banken ihre Prozesse automatisieren: Noch sind diese viel zu manuell und zu kompliziert. Der Wettbewerb wird aber tendenziell noch weiter zunehmen und der Markt nicht immer weiterwachsen. Deshalb müssen Institute effizienter werden und ihre Kosten besser im Griff haben.


«Wer jetzt nicht investiert, steht in Zukunft mit abgesägten Hosen da.»

Welche Rolle spielen digitale Dienstleistungen, beispielsweise Apps?
Diese werden natürlich wichtiger. Die Benutzerzahlen sind derzeit aber noch sehr ernüchternd. So wird Mobile Banking nur von etwa zehn Prozent der Kunden genutzt. Es dauert jeweils lange, bis Kunden auf Innovationen reagieren. Apps werden die Bankenwelt natürlich nicht grundlegend verändern. Trotzdem braucht jede Bank eine Mobile App, weil die Nachfrage steigen wird. Auch hier gilt: Der kurzfristige Nutzen und Effekt mag nicht sehr hoch sein, aber investiert man nicht jetzt, steht man in der Zukunft mit abgesägten Hosen da.

Valiant hat in Brugg und Morges neue Geschäftsstellen eröffnet, welche die persönliche Beratung mit digitalen Bankdienstleistungen verbinden. Gewagt oder längst fällig?
Weder noch. Valiant hat sich für ein Zwittermodell entschieden: Kunden werden in einigen Filialen auf einem Videoscreen empfangen. Einerseits nutzt man also die digitalen Möglichkeiten, andererseits hält man an der Filiale und an den Kundenberatungen fest. Das wird wohl ein Zwischenschritt sein, denn noch sind Kundinnen und Kunden nicht bereit, sich von zu Hause aus über den Laptop von einem Bankangestellten beraten zu lassen. Das wird sich in Zukunft aber sicher ändern.

Der Berater aus Fleisch und Blut wird also verschwinden?
Nein. Natürlich gibt es Kunden, die alle Dienstleistungen virtuell abwickeln wollen. Heute sind das vielleicht fünf Prozent, in zehn Jahren womöglich zehn Prozent. Der überwiegende Teil kennt sich in Finanzgeschäften aber relativ schlecht aus und will deshalb persönlich beraten werden von Mitarbeitenden vor Ort. Insbesondere, wenn der Kunde beispielsweise erstmals eine Hypothek abschliesst und sich für eine halbe oder eine ganze Million verschuldet. Oder wenn er wissen möchte, wie man das Wertschriftenportfolio optimiert oder sich finanziell optimal auf die Pensionierung hin absichern kann.

Andreas Dietrich, 41, ist ordentlicher Professor für Banking und Finance am Institut für Finanzdienstleistungen Zug der Hochschule Luzern (IFZ) und gehört zu den führenden Experten in den Bereichen Retail Banking und Digital Banking. Seit dem 1. September 2017 führt er das Institut gemeinsam mit Co-Leiter Linard Nadig.

ValOr 02¦2017

Text: Christian Schonbächler Fotos: Matthias Jurt

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