
«Die Schweiz ist eine Sparnation»
Selina Lehner, wie sieht es mit dem Sparen in der Schweiz aus?
Die Schweiz ist eine ausgesprochene Sparnation. Das heisst, die Sparquote in der Schweiz ist international gesehen hoch. Sie liegt bei rund 17,5 Prozent und gibt den Anteil des Einkommens an, den ein privater Haushalt nicht für Konsum ausgibt, sondern zur Seite legt – etwa für grössere Anschaffungen, Notfälle oder die Vorsorge. Wer zum Beispiel ein Einkommen von monatlich 5000 Franken zur Verfügung hat und davon 1000 Franken spart, hat eine Sparquote von 20 Prozent.
Wesentlich ist allerdings, wie die Sparquote statistisch erfasst wird: Je nach Erhebungsmethode werden auch Beiträge an die Pensionskasse einbezogen. Dieses obligatorische Sparen ist in der Schweiz normal, in anderen Ländern nicht unbedingt. Das erschwert den internationalen Vergleich.
Wie erklärt es sich, dass die Schweiz eine höhere Sparquote hat als andere Länder?
Dazu führen mehrere Faktoren: Wir verfügen über eine starke Wirtschaft, ein hohes Einkommensniveau und eine ausgeprägte Vorsorge- und Sparkultur. Obwohl das Sozialsystem gut ausgebaut ist – etwa bei Arbeitslosigkeit oder Krankheit –, legen Schweizerinnen und Schweizer Wert auf finanzielle Eigenverantwortung. Staatliche Anreize wie die steuerlich begünstigte Säule 3a fördern zusätzlich das freiwillige Sparen.
Ist die Sparquote der Schweiz eine konstante Grösse?
Nein, sie ist in den letzten Jahren aus mehreren Gründen gestiegen. Zum einen erhöhte sich das verfügbare Bruttohaushaltseinkommen und damit auch das Sparpotenzial. Zum anderen nahm die Unsicherheit in den letzten Jahren wegen Finanzkrisen, der COVID-19-Pandemie, geopolitischer Spannungen und der Inflation zu, was zu einem erhöhten Sicherheitssparen führte. Viele Haushalte sparen bewusst mehr, um sich abzusichern. Während der Pandemie waren die Konsummöglichkeiten zudem eingeschränkt, was die Sparquote ebenfalls ansteigen liess.
Wer spart besonders viel – und wer weniger?
In der Schweiz sparen vor allem Menschen mit mittlerem bis hohem Einkommen. Bei den 20 Prozent der Menschen, die am wenigsten verdienen, zeigt sich dagegen häufig ein negativer Sparbetrag: Diese Haushalte geben mehr aus, als sie einnehmen. Auch das Alter spielt eine Rolle: Bis zur Pensionierung nimmt die Sparquote tendenziell zu, während sich das Vermögen danach häufig reduziert. Neuere Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen jedoch: Viele ältere Menschen sparen weiterhin, wenn auch weniger. Die Realität in den Haushalten ist sehr unterschiedlich – je nach Einkommen, Lebenssituation und individuellen Zielen.
«Wir verfügen über eine starke Wirtschaft, ein hohes Einkommensniveau und eine ausgeprägte Vorsorge- und Sparkultur.»
Welche Folgen hat eine hohe Sparquote für die Wirtschaft?
Eine hohe Sparquote kann sich positiv und negativ auf die Wirtschaft auswirken. Auf der positiven Seite sorgt Sparen für die finanzielle Stabilität der Schweiz, zum Beispiel bei der Altersvorsorge. Es steht zudem mehr Kapital für zukünftige Investitionen zur Verfügung, was langfristig Wachstum sichern kann. Aber: Wenn alle gleichzeitig sparen und daher weniger konsumieren, fehlt der Wirtschaft die Nachfrage. Unternehmen verkaufen weniger, investieren weniger, stellen weniger Mitarbeitende ein. So kann zu viel Sparen das Wirtschaftswachstum bremsen. Man spricht da vom sogenannten «Sparparadoxon».
Bringt eine hohe Sparquote auch den Sparerinnen und Sparern mehr Sicherheit?
Grundsätzlich ja: Wer etwas zur Seite legt, schafft sich ein finanzielles Polster, das bei Jobverlust, Krankheit oder im Alter Sicherheit bietet. Jedoch beachten viele nicht, dass dies in Zeiten von Inflation und tiefen Zinsen auch mit Risiken verbunden ist: Wer sein Geld nur auf dem Konto parkiert, verliert langfristig an Kaufkraft.
Selina Lehner ist Dozentin an der ZHAW School of Management and Law und dort Studiengangsleiterin des CAS Financial Service Innovation. Sie hat ihre Karriere bei einer Bank begonnen und besitzt einen Master of Science in Banking & Finance (Foto: zVg).



