
Mit Weitblick im Weinberg
Einst roch es hier nach Heu statt nach Most: Wo heute Traubenpresse und Edelstahltanks stehen, wurden früher Kühe gemolken. Den ehemals gemischten Landwirtschaftsbetrieb der Familie haben Thomas und Christina Lindenmann inzwischen komplett auf Weinbau ausgerichtet.
«Früher bauten hier am Hallwilersee viele Landwirtschaftsbetriebe als Nebenerwerb kleine Mengen Trauben an», erzählt der 53-Jährige. Ihn aber packte Ende der 1980er-Jahre die Leidenschaft für den Weinbau. Nach seiner Winzerlehre übernahm er weitere Anbauflächen des Seenger Rebbergs, pflanzte alte Reben um und setzte neue Sorten ein. Heute gedeihen auf rund neun Hektaren etwa 45000 Rebstöcke mit vier weissen und acht roten Traubensorten, darunter Pinot noir, Merlot, Chardonnay und Johanniter. Daraus stellen die Lindenmanns 20 Weine, Schaumweine, Liköre und Schnäpse her. «Wir versuchen immer wieder einmal unterschiedliche Trauben zu kombinieren, um neue Weine mit eigenem Charakter zu kreieren», erklärt der Winzer.
Weinbau verlangt Geduld
Innovation braucht jedoch Zeit: Von der Idee bis zum Wein in der Flasche vergehen oft fünf bis sechs Jahre. Zunächst muss die Traube wachsen - und dann der Wein auch schmecken. «Anders als eine Käserei, die täglich Milch verarbeitet, haben wir nur einmal im Jahr die Chance, etwas Neues herauszubringen», stellt Thomas Lindenmann klar. «Würde ein Produkt scheitern, wäre das ein herber finanzieller Verlust.»
Um Trends frühzeitig zu erkennen und den Zeitgeschmack zu treffen, sind Kundennähe und lokale Verankerung für die Winzerfamilie deshalb zentral. Im Hofladen kennt Christina Lindenmann die Vorlieben der Stammkunden und gibt gern Probeflaschen mit. Die Rückmeldungen fliessen in die Produktion des nächsten Jahrgangs ein.
Die Launen des Wetters einkalkulieren
Die Lage am See und das milde Mikroklima bieten gute Voraussetzungen. Unberechenbar bleibt jedoch das Wetter. Besonders Frost im Frühling kann den Ertrag gefährden. «Wenn im März die Reben austreiben und es noch einmal kalt wird, kann es dramatisch werden», erklärt der Winzer. Dann rufen die Lindenmanns mitten in der Nacht ihre Helferinnen und Helfer an. Gemeinsam stellen sie die Frostkerzen - grosse Paraffinkessel - zwischen die Reben und zünden sie an. Die Wärme schützt die zarten Austriebe. «Alles muss genau geplant sein», ergänzt Christina Lindenmann, «damit um fünf Uhr, wenn es meist am kältesten ist, alle Kerzen schon gut brennen.»
Im Sommer erfordert der Weinbau Voraussicht bei der Laubwandpflege. «Bei Hitze lassen wir mehr Blätter stehen, damit die Trauben nicht verbrennen. Bei kühlerem Wetter öffnen wir die Laubwand, damit sie Licht bekommen.»
Jeder Schnitt wirkt sich auf Zucker, Säure und Aroma aus. Sensoren liefern Daten zu Blattnässe und Pilzgefahr. Doch kurz vor der Ernte zählt vor allem Erfahrung: «Wir nutzen die gustatorische Methode», sagt Thomas Lindenmann und lacht. «Das heisst, wir stecken eine Traube in den Mund und beurteilen den Geschmack.»
Für die Nachfolgeplanung nimmt sich das Ehepaar noch Zeit. Die Kinder - heute 22 und 24 Jahre alt - zeigen Interesse am Weinbau und Sohn Marco absolviert eine Winzerlehre. Vielleicht wird also in Seengen einmal die vierte Generation zur Lese schreiten - wenn die Trauben reif und süss sind.
