
Tiny House – das neue Stöckli
Das Stöckli war während Jahrzehnten ein fester Bestandteil vieler Schweizer Bauernhöfe. Die Eltern übergaben den Betrieb an die Kinder und zogen in das kleinere Haus auf dem Hof. So blieben sie Teil der Familie, und dennoch hatte jede Generation ihren eigenen Raum.
Heute greifen Tiny oder Small Houses dieses Prinzip wieder auf. «Viele Menschen möchten ihr Haus irgendwann den Kindern übergeben, aber selbst in der vertrauten Umgebung bleiben», sagt Marc Lüllmann, Co-CEO und Gründer von Vivan AG. «Eine Lösung kann ein Tiny oder Small House sein: Die Älteren bauen sich ihr kleines Haus im Garten, während die nächste Generation das Einfamilienhaus übernimmt.»
Foto: Bodhi Karem Albash
Bewusst reduzieren
Tiny oder Small Houses stehen für ein bewusst reduziertes Wohnen. Weniger Fläche bedeutet dabei nicht weniger Komfort. «Eine Geschirrspülmaschine gehört für uns dazu, ebenso eine Waschmaschine und ein Tumbler», so Lüllmann. Entscheidend sei die effiziente Nutzung des Raums: Treppen enthalten Stauraum, Technik wird platzsparend integriert, Räume erfüllen mehrere Funktionen. Gleichzeitig verlangt diese Wohnform ein Umdenken der künftigen Bewohnerinnen und Bewohner. Wer in einem Tiny House lebt, beschränkt sich auf wenige lieb gewordene Dinge und verzichtet auf Platz für selten Gebrauchtes.
«Entscheidend ist nicht die genaue Quadratmeterzahl, sondern der Wunsch, mit weniger Raum auszukommen.»
Foto: Bodhi Karem Albash
Ein kleines Haus in Zürich Wipkingen
Viele Einfamilienhäuser stehen heute auf grosszügigen Parzellen, die nur zum Teil genutzt werden. So auch bei einem Beispiel in Zürich Wipkingen. Das bestehende Haus war zu klein für die ganze Familie, der Bambusgarten hingegen machte mehr Arbeit als Freude und die bestehende Terrasse bot mehr als genug Platz, erzählt Marc Lüllmann.
Deshalb entschloss sich die Familie, statt aufwendig umzubauen, im Garten ein kleines Haus zu errichten. So entstand zusätzlicher Wohnraum für ein Familienmitglied, ohne das bestehende Haus zu verändern. Bis zur Baubewilligung dauerte es rund zehn Monate. Danach ging es schnell: In nur zwei Wochen wurden die vorgefertigten Holzelemente aus nachhaltiger Forstwirtschaft montiert und der Innenausbau konnte beginnen.
Nachhaltig und effizient
Moderne Tiny und Small Houses kombinieren häufig nachhaltige Materialien mit effizienter und intelligenter Haustechnik. Weniger Wohnfläche und eine gute Dämmung, wie sie in der Schweiz vorgeschrieben ist, führen meist zu einem deutlich geringeren Energieverbrauch. Photovoltaikanlagen auf dem Dach versorgen das Haus mit Strom, manche erreichen über das Jahr hinweg sogar eine positive Energiebilanz. Zudem erleichtert intelligente Technik den Alltag, indem sie zum Beispiel im Sommer für automatische Beschattung sorgt oder bei Regen und Sturm den Sonnenschutz selbstständig einfährt.
Wohnen mit Zukunft
Tiny Houses sind eine Antwort auf steigende Bodenpreise, den Wunsch nach kleineren Wohnflächen und neuen Formen des Zusammenlebens. Sie ermöglichen es, bestehende Grundstücke besser zu nutzen und gleichzeitig flexible Wohnmodelle für mehrere Generationen zu schaffen. Damit werden sie zunehmend zu einer zeitgemässen Ergänzung des Einfamilienhauses: kompakt, nachhaltig und nah bei der Familie.



