
Selbstbestimmt älter werden
Wer die besten Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben im Alter schaffen will, sollte früh vorsorgen, offen bleiben und Beziehungen pflegen. Das Altern ist kein Schicksal, denn es lässt sich gestalten, wie Altersforscher Prof. Dr. François Höpflinger betont.
François Höpflinger, wann ist man eigentlich alt?
Offiziell beginnt das Alter in der Schweiz mit dem Pensionsalter 65. Doch fragt man ältere Menschen selbst, verschiebt sich die Grenze deutlich nach hinten. Viele sagen: Wirklich alt ist man erst mit 80 Jahren – oder noch später. Zwar altert der Körper, doch geistig und seelisch fühlen sich viele lange nicht alt.
Wie zufrieden sind ältere Menschen in der Schweiz?
Studien zeigen seit Jahrzehnten eine konstant hohe Lebenszufriedenheit. Ein Grund dafür ist, dass sich der Fokus verschiebt: Status, Karriere und Materielles verlieren an Bedeutung. Zudem geht es den älteren Menschen in der Schweiz im internationalen Vergleich gut. Und natürlich wirken sich die grossen Fortschritte in Medizin und Prävention sehr positiv aus.
Und dennoch: Viele haben Respekt vor dem Alter. Was bereitet am meisten Sorgen?
Am stärksten ausgeprägt ist die Angst vor Demenz und dem Verlust der Selbstständigkeit. Mit körperlichen Einschränkungen können sich viele arrangieren, mit dem Verlust der geistigen Kontrolle kaum. Ab 80 oder 85 Jahren wird die Nähe zum Lebensende spürbarer – vor allem, wenn Gleichaltrige sterben.
Welche Faktoren sind ausschlaggebend für ein glückliches Alter?
Erstens finanzielle Sicherheit, weil sie Handlungsspielraum schafft und Sorgen reduziert. Zweitens stabile soziale Beziehungen, auch wenn sich diese mit der Zeit verändern. Kontakte zu Gleichaltrigen nehmen vielleicht ab, dafür gewinnen jene zu Enkelkindern, Nachbarn oder Betreuungspersonen an Bedeutung. Drittens ist eine konstruktive innere Haltung wichtig. Wer akzeptiert, dass nicht mehr alles möglich ist, lebt zufriedener. Und viertens Offenheit gegenüber Neuem, weil viele alltägliche Dinge vom Bankgeschäft bis zum Familienchat heute auch digital ablaufen. Technologie kann die Unabhängigkeit erhalten: Hörgeräte, moderne Rollatoren oder virtuelle Kulturangebote und Kontaktbörsen schaffen neue Möglichkeiten.
Was sollten Menschen in der Lebensmitte konkret tun?
Vorausschauend planen und rechtzeitig handeln, nicht erst kurz vor der Pensionierung. Die finanzielle Vorsorge sollte realistisch sein, denn viele unterschätzen Einkommenslücken im Ruhestand. Auch die Wohnsituation sollte geprüft werden: Ist das Zuhause mit 80 noch geeignet? Anpassungen oder ein Umzug gelingen aus freien Stücken besser als unter Zeitdruck.
«Körperlich, geistig und sozial aktiv zu bleiben, ist einer der stärksten Schutzfaktoren.»
Körperlich, geistig und sozial aktiv zu bleiben, ist einer der stärksten Schutzfaktoren. Bewegung, Neues lernen, soziales Engagement oder ein Ehrenamt stärken die eigenen Ressourcen und vermitteln Sinn. Und schliesslich lohnt es sich, früh den Kontakt zu tragfähigen Netzen in der Nachbarschaft oder in generationenübergreifenden Projekten zu suchen sowie Beratungs- und Hilfsangebote zu nutzen. Unabhängigkeit bedeutet nicht, alles allein zu schaffen.
Persönlich gefragt: Wirkt sich Ihr Wissen über das Altern auf Ihr eigenes Leben aus?
Erstaunlich wenig – Fachwissen und persönliches Handeln sind nicht dasselbe. Man weiss vieles, setzt es aber nicht konsequent um. Deshalb ist es wichtig, früh Strukturen zu schaffen, die tragen, wenn die eigene Disziplin nachlässt.
Prof. Dr. François Höpflinger ist emeritierter Soziologieprofessor und Mitglied der akademischen Leitung des Zentrums für Gerontologie der Universität Zürich. Trotz offiziellem Rentenalter forscht er weiterhin aktiv zu Alters- und Generationenfragen. (Foto: zVg)



